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Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse

München: hanserblau, 2019

 

Gesang der FlusskrebseDelia Owens ist Zoologin. Über zwanzig Jahre erforschte sie mit ihrem damaligen Ehemann wildlebende Tiere in Afrika und schrieb bisher nur zoologische Sachbücher. Im Moment lebt sie allein im äußersten Norden Idahos, ca. 30 km vom nächsten Ort entfernt. In einem Interview betonte sie, dass Einsamkeit für sie ein Teil ihres Lebens sei. Diese Erfahrungen spürt man auch in ihrem vorliegenden ersten Roman, der seit 11 Monaten auf der Bestsellerliste der New York Times steht.

Der Roman ist ein Buch über das Erwachsenwerden, eine Liebesgeschichte, ein Familiendrama, ein Krimi und eine wunderbare Naturbeschreibung.

Owens erzählt parallel von der Kindheit Kyas in den fünfziger Jahren und von polizeilichen Ermittlungen gegen sie in den Jahren 1969/70.

Das Mädchen wächst in tiefer Armut in einer im Sumpf versteckten Hütte im Marschland an der Küste North Carolinas auf. Sie ist das jüngste von 5 Kindern. Der Vater ist durch Kriegserlebnisse schwer traumatisiert und kann seine Erfahrungen nur mit Alkohol betäuben. Er schlägt seine Frau und die Kinder brutal. Kya ist 6 Jahre alt, als sie mit ansehen muss, wie ihre Mutter einen Koffer packt und die Familie für immer verlässt. Drei ihrer Geschwister verschwinden kurz nach der Mutter. Ihr Lieblingsbruder Jodie bleibt noch einige Zeit bei ihr, bis er sich ebenfalls in Sicherheit bringt. Ein Jahr lang lebt Kya mit dem Vater allein. Sie versucht, ihrem Vater möglichst nicht aufzufallen und gleichzeitig einigermaßen für ihn zu sorgen. Als auch der Vater spurlos verschwindet, schwankt Kya zwischen Erleichterung und panischer Angst. Sie ist 7 Jahre alt und völlig auf sich allein gestellt. Um sie herum ist Natur, vor allem Salzwiesen und Sümpfe. Im nahe gelegenen Dorf Barkley Cove helfen ihr nur der farbige Jumpin, der eine kleine Tankstelle mit Laden betreibt und seine Frau Mabel. Anfangs gräbt Kya Muscheln aus und verkauft sie für ein paar Cent an Jumpin. Später fährt sie mit dem Boot des Vaters zum Fischfang und verkauft geräucherten Fisch. Mit diesem Geld beschafft sie sich Lebensmittel und Benzin. Sie freundet sich mit Tieren an, weil niemand anderes da ist, mit dem sie reden könnte. Bald kennt sie jeden Sumpf, jeden Vogel und jeden Stein. Leidenschaftlich sammelt sie Federn und sortiert sie. In ihrer Einsamkeit sehnt sie sich verzweifelt nach Zugehörigkeit, Liebe und Anerkennung. Einen einzigen Tag lang besucht sie die Schule, weil sie gehört hat, dass es dort warmes Essen gibt. Doch der Besuch wird zu einem demütigenden Erlebnis, weil sie die Ablehnung der Dorfbewohner zu spüren bekommt. Für sie ist sie das „Marschmädchen“, das Sumpfgesindel. Den zaghaften Versuchen der Behörden, sie zu integrieren entwischt sie. Sie wird immer mehr eins mit der Natur, die die einzige Konstante in ihrem Leben ist und bald weiß sie mehr über Tiere, Pflanzen und Naturzusammenhänge als die meisten Erwachsenen. Nur Lesen und Rechnen kann sie mit 14 Jahren immer noch nicht. Tate, ein Freund ihres Bruders Jodie, nähert sich ihr zaghaft, indem er Federn als Botschaften an nur ihr bekannten Orten hinterlässt. Die beiden verbindet die Liebe zur Natur und mit seiner Hilfe lernt sie Lesen und Rechnen und saugt neues Wissen begierig auf. Man erlebt, wie Kya sich von einem verstörten Kind zu einer ungewöhnlichen, selbstbewussten, intelligenten jungen Frau entwickelt.

Doch dann wird im Sumpf die Leiche von Chase Andrews gefunden. Bevor er eine andere heiratete, hatte er ein Verhältnis mit Kya. Für die Bewohner von Barkley Cove ist klar, dass das „Marschmädchen“ Chase aus Rache getötet hat und trotz dürftiger Beweise fokussiert schließlich auch die Polizei Kya als Täterin. Doch sie kommt aus dem Gerichtsprozess gestärkt hervor und wird eine autarke, unabhängige Frau, die jetzt den Titel „Marschmädchen“ mit Stolz trägt. Obwohl mittlerweile finanziell unabhängig, bleibt sie in ihrer, jetzt allerdings modernisierten Hütte im Marschland wohnen und die Geschichte hat fast ein Happy End, wartet allerdings am Ende noch mit einer Überraschung auf.

Der Roman berührt durch seine dramatischen Kontraste zwischen der Schönheit der Natur und der Kälte einer von Vorurteilen geprägten Gesellschaft. Mit Kya hat Owens eine unvergessliche Protagonistin erschaffen, die dem Leser ans Herz wächst und lange im Gedächtnis bleiben wird.

 

 

Buchtipps der vergangenen Monate:

  • Oktober 2019: Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse
  • September 2019: Kit de Waal: Die Zeit und was sie heilt
  • August 2019: Alina Bronsky: Der Zopf meiner Großmutter
  • Juli 2019: Min Jin Lee: Ein einfaches Leben
  • Juni 2019: Andrea van Bebber: Perlen vor die Säue
  • Mai 2019: Jocelyne Saucier: Niemals ohne sie
  • April 2019: Tom Saller: Wenn Martha tanzt
  • März 2019: Majgull Axelsson: Dein Leben und meins
  • Februar 2019: Andrea Camilleri: Die Inschrift
  • Januar 2019: Karine Lambert: Eines Tages in der Provence

 

  • Dezember 2018: Alex Capus: Königskinder
  • November 2018: Tommi Kinnunen: Wege, die sich kreuzen
  • Oktober 2018: Louise O'Neill: Du wolltest es doch
  • September 2018 Lana Lux: Kukolka
  • August 2018: Laetitia Colombani: Der Zopf
  • Juli 2018: Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben
  • Juni 2018: Anja Baumheier: Kranichland
  • Mai 2018: Vanessa LaFaye: Summertime
  • April 2018: Vigdis Hjörth: Bergljots Familie
  • März 2018: Jachina, Gusel: Suleika öffnet die Augen
  • Frebruar 2018: Ahrens, Renate: Alles, was folgte
  • Januar 2018: Isabelle Autissier: Herz auf Eis

 

  • Dezember 2017: Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern
  • November 2017: Benjamin Lebert: Die Dunkelheit zwischen den Sternen
  • Oktober 2017: Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht
  • September 2017: Dirk Kurbjuweit: Die Freiheit der Emma Herwegh
  • August 2017: Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten
  • Juli 2017: Claudia Pineiro: Ein wenig Glück
  • Juni 2017: Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters
  • Mai 2017: Peter Prange: Unsere wunderbaren Jahre
  • April 2017: Renate Ahrens: Das gerettete Kind
  • März 2017: Marilynne Robinson: Gilead
  • Februar 2017: Isadora Duncan: I've only danced my life
  • Januar 2017: Sarit Yishai-Levi: Die Schönheitskönigin von Jerusalem

 

  • Dezember 2016. Brigitte Glaser: Bühlerhöhe
  • November 2016: Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte
  • Oktober 2016: Lars Mytting: Die Birken wissen`s noch
  • September 2016: Alexander Maksik: Die Gestrandete
  • August 2016: Naomi Wood: Als Hemingway mich liebte
  • Juli 2016: David Foenkinos: Charlotte
  • Juni 2016: Katharina Winkler: Blauschmuck
  • Mai 2016: Per J. Andersson: Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden
  • April 2016: Isabel Bogdan: Der Pfau
  • März 2016: Sabine Rennefanz: Die Mutter meiner Mutter
  • Februar 2016: Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe
  • Januar 2016: Claire Hajaj: Ismaels Orangen

 

  • Dezember 2015: Verena Boos: Blutorangen
  • November 2015: André Herzberg: Alle Nähe fern
  • Oktober 2015: Frances Itani: Requiem
  • September 2015: Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter Harper Lee: Wer die Nachtigall stört
  • August 2015: Catherine Chanter: Die Quelle
  • Juli 2015: Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand
  • Juni 2015: Stephanie Bart: Deutscher Meister
  • Mai 2015: Donna Tartt: Der Distelfink
  • April 2015: Charles Lewinsky: Kastelau
  • März 2015: Ulla-Lena Lindberg: Eis
  • Februar 2015: Hans Meyer zu Düttingdorf: Das Bandoneon
  • Januar 2015: Anna Funder: Alles was ich bin

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