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Marco Balzano: Ich bleibe hier

Zürich: Diogenes Verlag, 2020

 

Ich bleibe hierMarco Balzano, geboren 1978 in Mailand, ist zur Zeit einer der erfolgreichsten italienischen Autoren. Neben dem Schreiben arbeitet er als Lehrer für Literatur an einem Mailänder Gymnasium.

Wer nicht über die Brennerautobahn nach Italien fährt, sondern lieber die gemütlichere Route über den Reschenpass nimmt, kommt unweigerlich im Vinschgau an einem Kirchturm vorbei, der wie ein Mahnmal mit seiner oberen Hälfte aus dem Reschensee ragt.

Anhand dieses Bildes beschreibt Bolzano nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch die Geschichte Südtirols.

Die Ich- Erzählerin, die Lehrerin Trina richtet ihre autobiografischen Aufzeichnungen an ihre Tochter Marcia, die schon vor langer Zeit ihre Heimat verlassen hat. Trina lebt in Graun, einem kleinen Bergdorf in Südtirol. Das Leben verläuft hier im Rhythmus der Jahreszeiten. Die Menschen bewirtschaften ihre Bauernhöfe, sie führen ein hartes, aber auch ein zufriedenes Leben.

Doch 1939, nach Beginn des 2. Weltkrieges unterzeichnen Mussolini und Hitler die „große Option“: Die deutschsprachigen Südtiroler werden vor die Wahl gestellt, entweder „heim ins Reich“, nach Deutschland umzusiedeln, oder in ihren Heimatorten zu bleiben. Dort zählen sie allerdings als Bürger zweiter Klasse und werden schikaniert. Sie dürfen kein Deutsch mehr sprechen. Egal, wie sich die Menschen entscheiden, alle sind Verlierer. Jede Entscheidung führt zu Opfern, Familien und Freundschaften zerbrechen.

Trina beschließt. „Ich bleibe hier“. Doch sie verliert ihre Tochter. Das kleine Mädchen wird von der Familie ihrer Schwägerin nach Deutschland entführt. Trina droht an diesem Verlust fast zu zerbrechen. Doch heimlich und unter großer Gefahr gibt sie in Kellern und Scheunen Deutschunterricht. Eine Freundin wird dabei erwischt und nach Süditalien verbannt. Sie werden sich nie wiedersehen.

Als die Nazis Südtirol besetzen, wird ihr Mann Soldat. Nach einer Verletzung bekommt er Heimaturlaub und nutzt diesen, um zu desertieren. Trina flieht mit ihm in die Berge, erst nach Kriegsende können sie in ihr Dorf zurückkehren. Doch auch jetzt hat das Glück keinen Platz in ihrem Leben. Ein Projekt, das während des Krieges zum Stillstand kam, wird nach Kriegsende umgesetzt. Aus ursprünglich drei Seen soll dort, wo seit Jahrhunderten Bauern ihre Höfe bewirtschaften ein künstlicher Stausee zur Stromgewinnung entstehen. Erich und Trine leisten Widerstand, viele andere schließen sich ihnen an. Wieder heißt es: „Ich bleibe hier“. Bis zuletzt hoffen sie darauf, ihre Dörfer retten zu können. Doch der Wasserpegel wird höher als die Dörfer geplant, die Heimat der Menschen wird geflutet.  

Nur der denkmalgeschützte Kirchturm aus dem 14. Jahrhundert ragt als Symbol des Untergangs, aber auch als Symbol des Widerstandes aus dem Wasser.

„Ich bleibe Hier“ ist eine bedrückende Geschichte, die vom Verlust der Heimat erzählt. Niemand, der diese Geschichte gelesen hat, wird wieder am Reschensee vorbeifahren können, ohne sich an diese schmerzhafte Geschichte zu erinnern. Doch dass Balzano als Italiener die Geschichte der Einwohner Grauns erzählt, wird in Südtirol auch als ein Zeichen der Versöhnung und Entschuldigung verstanden.

 

 

Buchtipps der vergangenen Monate:

  • Oktober: Marco Balzona: Ich bleibe hier
  • September: Beate Teresa Hanika: Vom Ende eines langen Sommers
  • August: David Foenkinos: Die Frau im Musée d'Orsay
  • Juli 2020: Susan Fletcher: Das Geheimnis von Shadowbrook
  • Juni 2020: Stephan Abarbanell: Das Licht jener Tage
  • April + Mai 2020: Gusel Jachina: Wolgakinder
  • März 2020: Helga Bürster: Luzies Erbe
  • Februar 2020: Lara Prescott: Alles, was wir sind
  • Januar 2020: Vera Buck: Das Buch der Vergessenen Artisten

 

  • Dezember 2019: Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben
  • November 2019: Kati Naumann: Was uns erinnern lässt
  • Oktober 2019: Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse
  • September 2019: Kit de Waal: Die Zeit und was sie heilt
  • August 2019: Alina Bronsky: Der Zopf meiner Großmutter
  • Juli 2019: Min Jin Lee: Ein einfaches Leben
  • Juni 2019: Andrea van Bebber: Perlen vor die Säue
  • Mai 2019: Jocelyne Saucier: Niemals ohne sie
  • April 2019: Tom Saller: Wenn Martha tanzt
  • März 2019: Majgull Axelsson: Dein Leben und meins
  • Februar 2019: Andrea Camilleri: Die Inschrift
  • Januar 2019: Karine Lambert: Eines Tages in der Provence

 

  • Dezember 2018: Alex Capus: Königskinder
  • November 2018: Tommi Kinnunen: Wege, die sich kreuzen
  • Oktober 2018: Louise O'Neill: Du wolltest es doch
  • September 2018 Lana Lux: Kukolka
  • August 2018: Laetitia Colombani: Der Zopf
  • Juli 2018: Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben
  • Juni 2018: Anja Baumheier: Kranichland
  • Mai 2018: Vanessa LaFaye: Summertime
  • April 2018: Vigdis Hjörth: Bergljots Familie
  • März 2018: Jachina, Gusel: Suleika öffnet die Augen
  • Frebruar 2018: Ahrens, Renate: Alles, was folgte
  • Januar 2018: Isabelle Autissier: Herz auf Eis

 

  • Dezember 2017: Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern
  • November 2017: Benjamin Lebert: Die Dunkelheit zwischen den Sternen
  • Oktober 2017: Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht
  • September 2017: Dirk Kurbjuweit: Die Freiheit der Emma Herwegh
  • August 2017: Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten
  • Juli 2017: Claudia Pineiro: Ein wenig Glück
  • Juni 2017: Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters
  • Mai 2017: Peter Prange: Unsere wunderbaren Jahre
  • April 2017: Renate Ahrens: Das gerettete Kind
  • März 2017: Marilynne Robinson: Gilead
  • Februar 2017: Isadora Duncan: I've only danced my life
  • Januar 2017: Sarit Yishai-Levi: Die Schönheitskönigin von Jerusalem

 

  • Dezember 2016. Brigitte Glaser: Bühlerhöhe
  • November 2016: Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte
  • Oktober 2016: Lars Mytting: Die Birken wissen`s noch
  • September 2016: Alexander Maksik: Die Gestrandete
  • August 2016: Naomi Wood: Als Hemingway mich liebte
  • Juli 2016: David Foenkinos: Charlotte
  • Juni 2016: Katharina Winkler: Blauschmuck
  • Mai 2016: Per J. Andersson: Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden
  • April 2016: Isabel Bogdan: Der Pfau
  • März 2016: Sabine Rennefanz: Die Mutter meiner Mutter
  • Februar 2016: Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe
  • Januar 2016: Claire Hajaj: Ismaels Orangen

 

  • Dezember 2015: Verena Boos: Blutorangen
  • November 2015: André Herzberg: Alle Nähe fern
  • Oktober 2015: Frances Itani: Requiem
  • September 2015: Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter Harper Lee: Wer die Nachtigall stört
  • August 2015: Catherine Chanter: Die Quelle
  • Juli 2015: Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand
  • Juni 2015: Stephanie Bart: Deutscher Meister
  • Mai 2015: Donna Tartt: Der Distelfink
  • April 2015: Charles Lewinsky: Kastelau
  • März 2015: Ulla-Lena Lindberg: Eis
  • Februar 2015: Hans Meyer zu Düttingdorf: Das Bandoneon
  • Januar 2015: Anna Funder: Alles was ich bin

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