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Anja Baumheier: Kranichland

Reinbek: Wunderlich Verlag, 2018

Cover Kranichland von Baumheier2Mit ihrem Debütroman „Kranichland“ verbindet Anja Baumheier eine sehr berührende und authentisch erzählte Familiengeschichte mit einer spannenden Zeitreise, die sich über fast 80 Jahre deutscher Zeitgeschichte, von der Kriegszeit, der Vertreibung, dem Wiederaufbau und der Gründung der DDR bis hin zur Wende und der Gegenwart erstreckt.

Die Geschichte der Familie Groen, zu der Johannes und Elisabeth Groen sowie deren Töchter Charlotte, Marlene und Theresa gehören, wird abwechselnd zwischen „Damals“ und „Heute“ auf zwei Zeitebenen erzählt, die sich im Verlauf der Geschichte immer weiter annähern.

Die Romanhandlung beginnt im „Damals“ 1936 mit dem Leben des 10jährigen Johannes Groen, der den Selbstmord seiner Mutter verkraften und mit 16 Jahren allein aus Schlesien flüchten muss, sowie damit, als er nach Ende des 2. Weltkrieges in einem Auffanglager in Rostock ankommt. Dort trifft er auf den russischen Soldaten Kolja, der für Johannes sowohl zum Vaterersatz als auch zum besten Freund wird, und der sein weiteres Leben extrem beeinflusst. Er lernt die Krankenschwester Elisabeth kennen, die gemeinsam mit ihrer Mutter Käthe in einem eigenen kleinen Häuschen in Rostock lebt.

Beide verlieben sich, heiraten und bekommen ihre erste Tochter Charlotte. Elisabeths Sehnsucht nach Familienleben und Harmonie kann ihr Johannes nicht erfüllen, da er sich durch Koljas Einfluss immer weiter im Netz von Partei und Staatssicherheit verheddert.

Als die kleine Familie wenig später nach Berlin zieht und Johannes noch mehr arbeitet, findet Elisabeth in dem jungen Arzt Dr. Anton Michalski einen Menschen, der ihren Wunsch nach Zweisamkeit erfüllt. Bald darauf bringt Elisabeth Marlene, die zweite Tochter der Familie Groen, auf die Welt.

Während Charlotte sehr systemtreu aufwächst und die Ideologie ihres Vaters teilt, ist Marlene in ihrem Wesen völlig anders. Sie ist anderem Denken gegenüber aufgeschlossen und hinterfragt die Gegebenheiten des Sozialismus. Dabei lernt sie den Widerständler Wieland Ostermeyer kennen und verliebt sich in ihn. Er überredet Marlene zur Flucht in den Westen, die zum Auslöser einer Geschichte voller Geheimnisse wird und auch die folgenden Generationen prägt.

Das über Jahrzehnte hinweg streng unter Verschluss gehaltene Familiengeheimnis beginnt 2012 im „Heute“ zu zerbröckeln, als Theresa Matusiak, die jüngste Tochter der Familie Groen, von einer Anwaltskanzlei die Benachrichtigung erhält, dass sie und ein gewisser Tom Halász in Rostock gemeinsam ein Haus geerbt haben. Das Rätselhafte daran ist, dass das Testament von ihrer Schwester Marlene ist, die bereits vor ihrer eigenen Geburt mit gerade mal 17 Jahren bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen ist.

Theresa kann nicht verstehen, wie das sein kann. Mögliche Erklärungen findet sie weder bei ihrer demenzkranken Mutter Elisabeth, noch bei ihrer Schwester Charlotte.

Deshalb macht sie sich gemeinsam mit ihrer Tochter Anna auf die Suche nach diesem Tom Halász, dem mysteriösen Begünstigten dieses Testaments, und nach der Frage, was wirklich mit Marlene passiert ist.

Als dabei die Wahrheit über das damals Geschehene Stück für Stück aufgedeckt wird, müssen sich die Familienmitglieder entscheiden, wie sie damit umgehen und weiterleben möchten.

„Kranichland“ ist eine sehr ergreifende und gefühlvolle Familiengeschichte, in die historische und politische Hintergründe einfließen, und ein ganz außergewöhnliches Buch mit viel Tiefgang gegen das Vergessen. Ein Buch, das deutsche Zeitgeschichte über fast achtzig Jahre lebendig macht und aufzeigt, wie eine Familie zerbrechen und wieder aufstehen kann.

Buchtipps der vergangenen Monate:

  • Mai 2018: Vanessa LaFaye: Summertime
  • April 2018: Vigdis Hjörth: Bergljots Familie
  • März 2018: Jachina, Gusel: Suleika öffnet die Augen
  • Frebruar 2018: Ahrens, Renate: Alles, was folgte
  • Januar 2018: Isabelle Autissier: Herz auf Eis

 

  • Dezember 2017: Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern
  • November 2017: Benjamin Lebert: Die Dunkelheit zwischen den Sternen
  • Oktober 2017: Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht
  • September 2017: Dirk Kurbjuweit: Die Freiheit der Emma Herwegh
  • August 2017: Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten
  • Juli 2017: Claudia Pineiro: Ein wenig Glück
  • Juni 2017: Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters
  • Mai 2017: Peter Prange: Unsere wunderbaren Jahre
  • April 2017: Renate Ahrens: Das gerettete Kind
  • März 2017: Marilynne Robinson: Gilead
  • Februar 2017: Isadora Duncan: I've only danced my life
  • Januar 2017: Sarit Yishai-Levi: Die Schönheitskönigin von Jerusalem

 

  • Dezember 2016. Brigitte Glaser: Bühlerhöhe
  • November 2016: Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte
  • Oktober 2016: Lars Mytting: Die Birken wissen`s noch
  • September 2016: Alexander Maksik: Die Gestrandete
  • August 2016: Naomi Wood: Als Hemingway mich liebte
  • Juli 2016: David Foenkinos: Charlotte
  • Juni 2016: Katharina Winkler: Blauschmuck
  • Mai 2016: Per J. Andersson: Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden
  • April 2016: Isabel Bogdan: Der Pfau
  • März 2016: Sabine Rennefanz: Die Mutter meiner Mutter
  • Februar 2016: Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe
  • Januar 2016: Claire Hajaj: Ismaels Orangen

 

  • Dezember 2015: Verena Boos: Blutorangen
  • November 2015: André Herzberg: Alle Nähe fern
  • Oktober 2015: Frances Itani: Requiem
  • September 2015: Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter Harper Lee: Wer die Nachtigall stört
  • August 2015: Catherine Chanter: Die Quelle
  • Juli 2015: Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand
  • Juni 2015: Stephanie Bart: Deutscher Meister
  • Mai 2015: Donna Tartt: Der Distelfink
  • April 2015: Charles Lewinsky: Kastelau
  • März 2015: Ulla-Lena Lindberg: Eis
  • Februar 2015: Hans Meyer zu Düttingdorf: Das Bandoneon
  • Januar 2015: Anna Funder: Alles was ich bin

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